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Nr. 10 Oktober 2017










RUMÄNIEN:
Die geschlossenen Kohlenzechen lassen Bergarbeiterfamilien in unsäglicher Not zurück. Sie bedürfen unserer Hilfe!
RUMÄNIEN
Die Schließung der Kohlenzechen machen Transsilvanien zur ärmsten Region des Landes!

Rumänien:
Die Schließung der Kohlenzechen machen Transsilvanien zur ärmsten Region des Landes!

Die Familie Mihoc aus Lupeni hat soeben Hilfsgüter des IH zur Renovierung ihrer Wohnung erhalten.
Das im Herzen der Südkarpaten gelegene Schiltal erstreckt sich mit seiner malerischen Landschaft vom Cerna-Paß im Westen bis zum Süden, wo es durch das Vàlcan-Gebirge seine natürliche Abgrenzung findet. Im Norden reicht das Schiltal bis zum Retezat-Bergmassiv und wird im Osten eingeschlossen vom Parâng- Gebirge, das bis zu ca. 2500 m aufragt. Der Schil-Fluß ergießt sich nach seinem Karpatendurchbruch schließlich in die Donau.

Diese Region gehört mit ihren Naturpark- und Berglandschaften zu den schönsten Siebenbürgens, leidet allerdings unsäglich unter der Schließung einer ganzen Reihe von Steinkohlen-Bergwerken: Die letzte Zeche schloß im Jahre 2013 seine Tore für immer. Damit geht eine Tradition zu Ende, die bewegte Etappen aufweist: So wurde Steinkohle in der Vorkriegszeit für Deutschland und danach dessen Kriegsgegner, die Sowjetunion, abgebaut; erst für Stalin, dann für Ceausescu und sodann für die kapitalistisch strukturierte Marktwirtschaft.

Letztere sollte durch den Eintritt Rumäniens in die Europäische Union gestärkt werden, was jedoch auch für Transsilvanien mit schmerzhaften Einschnitten verbunden war. Wohingegen zu Ceausescus Zeiten der Steinkohlen Bergbau forciert wurde – nicht zuletzt, um die Auflagen der Sowjetunion zu erfüllen – und deshalb eigens Tausende von Arbeitskräften in die Region Transsilvanien umgesiedelt worden waren, erfolgten in der jüngsten Vergangenheit einschneidende Maßnahmen für die armen, geschundenen Arbeiter. Sie sehen ihren risikoreichen Einsatz unter Tage auf undankbare, schnöde Art geringgeschätzt. Die EU-Kommission, im Verbund mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), verfügte nämlich drastische Sparmaßnahmen, mit denen man die rumänische Regierung zwingen wollte, auch die letzten Staatsbetriebe zu schließen, mit dem Ziel, einen ausgeglichenen Haushalt zu erzwingen.

Die Familie Mihoc lebt in ärmsten Verhältnissen!
GESCHLOSSENE ZECHEN HABEN DIE VERARMUNG DER BERGLEUTE ZUR FOLGE!

Diesem Diktat wurden nicht nur die Bergwerke unterworfen, sondern alle Staatsbetriebe des Landes gleichermassen. Die Züchtigung der obengenannten internationalen Institutionen bestand darin, die Löhne und Gehälter des öffentlichen Dienstes und der noch existierenden staatlichen Betriebe zuerst um 25% zu kürzen, sodann Zehntausende von Stellen aufzulösen und viele Sozialleistungen radikal zu streichen. Die Folge davon war jedoch, daß sogar Schulen und Krankenhäuser geschlossen werden mußten; desgleichen zahlreiche unrentable Staatsbetriebe. Daraufhin gab es wochenlang wütende Proteste auf den Straßen Bukarests gegen die der Bevölkerung aufgezwungene Spar-Agenda.

Dieser Großhaushalt muß mit unzumutbar knapper Sozialhilfe auskommen!
Gewerkschaftsführer kritisierten die rücksichtslos gegen die Ärmsten der Arbeiterschaft gerichteten Pressionen der Eurokraten und des IWF: Während die korrupte Politikerklasse Rumäniens über ihre Verhältnisse leben, können die Mißstände nicht dadurch behoben werden, sämtliche Industrieanlagen als Altmetall zum Recycling zu schleppen und gleichzeitig zur Subsistenz- landwirtschaft zurückzukehren.

Was sich im Schiltal abspielte, ist symptomatisch für die von oben verordnete Ausdünnung, bis hin zur Auslöschung ganzer Industriezweige Rumäniens und erinnert fatal an „griechische Verhältnisse“: Jahrelang hat man nichts investiert, bis schlußendlich die Betriebe ausbluteten. Und dann wundern sich die Eurokraten, wenn die Wettbewerbsfähigkeit dabei flöten geht! Solche Heucheleien können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Schließung der Kohlenbergwerke Rumäniens Tausende von Langzeitarbeitslosen beschert und sie in große Not und tiefes Elend gestürzt hat.


DER STAATSHAUSHALT HAT VORRANG – DER ARBEITER DAS NACHSEHEN!

Die Familie Ciurcu wohnt in einer ehemaligen Bergarbeiter-Wohnung, die dringend der Reparatur bedarf.
Ein Blick ins Innere der Mietwohnung genügt, um der erdrückenden Armut der Familie Ciurcu gewahr zu werden!
Mit dem Bodenbelag aus Deutschland lassen sich die erbärmlichen Wohnverhältnisse verbessern.
Im Gegensatz zu deutschen Bergleuten, für die es tragfähige soziale Netze gibt, fallen die rumänischen Kumpel ins Nichts… Gleichzeitig müssen sie jedoch mitansehen, wie das Nachbarland Ukraine Kohle aus der USA und Südafrika für teures Geld importiert, weil man aus „politischen Gründen“ die Käufe aus dem Donbaß eingestellt hat. Daß hier die rumänische Kohle eine viel vorteilhaftere Alternative gewesen wäre, liegt auf der Hand. Stattdessen nimmt man billigend in Kauf, mehrere Zehntausende qualifizierte Kräfte aus dem Arbeitsprozeß zu entlassen, was im Schiltal sieben Geisterstädte entstehen ließ. Die Zukunfstaussichten der Entlassenen sind düster, denn es werden monatlich nur etwa 200 Euro an Arbeitslosengeld ausgezahlt; danach ist Schluß!

Die Konzeptionslosigkeit der Eurokraten, welche die katastrophale Verarmung ganzer Landstriche in Transsilvanien heraufbeschworen hat, führt u.a. dazu, daß viele der in ihrer Not Alleingelassenen, die in Rumänien keine Arbeit finden können, sich aufmachen, um in Deutschland ihr Heil zu suchen. Statt Lösungen in ihrem Heimatland anzubieten, begnügt sich die Europäische Kommission damit, die Probleme aus Rumänien nach Deutschland zu verlagern.

Auf diese Weise entstehen dann in Deutschland unansehnliche Inseln des Elends, wie z.B. Gelsenkirchen, einer ehemaligen Bergarbeiterstadt in Nordrhein- Westfallen, wo der Ausländeranteil inzwischen über das verträgliche Maß hinaus angewachsen ist. Das Umschichten der Opfer einer verfehlten EU-Industrie- und Wirtschaftspolitik aus armen EU-Mitgliedsländern, wie z.B. Rumänien – wo die kaltherzig verfügte Austerität zu sozialem Notstand, Tausende von Arbeitslosen hervorgerufen hat – in das vermeintlich „reiche“ Deutschland, kann keine Abhilfe schaffen; besonders dann nicht, wenn eine ungezügelte, massive Immigrationsbewegung aus EU-fernen Ländern dem deutschen Staat Euro-Milliarden abverlangt. Dadurch werden die Auseinandersetzungen um Sozialleistungen für Antragsteller aus der EU angeheizt, was viele deutsche Städte in die Zahlungsunfähigkeit treibt.

Als Lehrbeispiel für eine gescheiterte Finanzmittel- beschneidung, welche sogar die Grundversorgung der Bevölkerung in Frage stellt, erweist sich nun auch Rumänien. In eine Region, wie Transsilvanien, deren Arbeitsmarkt überwiegend vom Kohlbergbau abhängig war, mußten die Schließungen der Zechen eine Katastrophe hervorrufen, zumal der Großteil aller Einkommen der arbeitenden Bevölkerung direkt mit der Kohleförderung verknüpft war. Das Kappen der Arbeitsplätze ließ eine unübersehbare Schar von Arbeitslosen zurück, mitsamt ihren Familien, die von heute auf morgen mittellos dastanden, zumal die Sozialleistungen auf einem so niedrigen Niveau gehalten wurden, daß sich ein menschenwürdiges Überleben schlicht als unmöglich erwies.

Familie Fartan: Nur das Baby erscheint glücklich; weil es offenbar die schreckliche Armut noch nicht erkennen kann.
Dieser Umstand hat insbesondere die Jüngeren unter den Ausgegrenzten dazu bewogen, das Land zu verlassen und im westlichen Ausland Arbeit zu finden, um ihre Familien über Wasser zu halten. Aber auch hier sind die Aussichten auf eine erhoffte Besserstellung eher bescheiden, weil zumeist hohe Anforderungen an die berufliche Qualifikation gestellt werden. So erklärt es sich, daß die meisten Arbeitssuchenden aus den östlichen EU-Staaten frustriert in den Ghettos der westlichen Großstädte stranden und insgeheim hoffen, in den jeweiligen Sozialnetzen Rettung zu finden. Da diese von der EU-Bürokratie und der rumänischen Regierung zu verantwortende Situation auf Dauer unhaltbar ist, erfolgt früher oder später ohnehin die traurige Rückkehr ins Heimatland. Wäre es da nicht gescheiter gewesen, die Ursachen der Verarmung unmittelbar im Herkunftsland selbst zu beheben?

WICHTIG IST DIE KONTINUITÄT DER HILFE!

Der Internationale Hilfsfonds verfolgt mit seinen Aktionen das Ziel, im Rahmen der ihm gegebenen Möglichkeiten, den Ärmsten Unterstützung angedeihen zu lassen. Mit sporadischen Aktivitäten ist kaum etwas zu erreichen; Kontinuierlichkeit in der Hilfe ist dabei von größter Wichtigkeit, denn es gilt, Vertrauen aufzubauen und den Hilfsbedürftigen durch regelmäßige Maßnahmen Hoffnung zu geben.

Die Behausung der Familie Fartan läßt erahnen, in welch prekärer Lage sich die arbeitslosen Kumpel der geschlossenen Kohlengruben befinden.
Unser Hilfswerk hat seit Beginn der 90er Jahre bis heute für Rumänien Hilfsleistungen im Wert von über 5 Mio. Euro erbracht, bei einem Volumen von mehr als 1000 Tonnen (siehe hierzu auch die Auflistung der Armen- und Nothilfe des Internationalen Hilfsfonds e.V. in Osteuropa und den Nachfolgestaaten der UdSSR). Der IH tut – ohne seinen Beitrag überschätzen zu wollen – alles in seiner Kraft stehende, um auch in den Herkunftsländern der Ex-UdSSR und dessen früherem Einzugsbereich in Osteuropa den Fluchtursachen entgegenzuwirken. In diesem Zusammenhang darf daran erinnert werden, daß diese Hilfe ausschließlich auf eigene Initiative – ohne staatliche Unterstützung und ohne EU-Finanzmittel – erfolgte.

ERDRÜCKENDE NOT DER BERGARBEITERFAMILIEN TRANSSILVANIENS!

Am Beispiel im Schiltal ansässiger, leidgeprüfter Familien, wollen wir versuchen, den interessierten Lesern deren Problemhintergrund nahezubringen.

• In der Kleinstadt Lupeni hausen 10 Personen in einer Dachwohnung: Es handelt sich hierbei um die Familie, deren Oberhaupt der 47jährige Mircea Fartan ist. Seine Ehefrau Olivia ist 36 Jahre alt und kümmert sich hingebungsvoll um ihre Kinder Alina, Cosmin, Codruta, Mircea, Estera, Teo, Paul und Ana Maria, die zwischen 2 und 17 Jahre alt sind. Sieben von Ihnen gehen zur Schule, wo sie gute Leistungen erbringen. Der Vater muß sich als Tagelöhner verdingen. Die Familie nutzt die jeweilige Saison, um Pilze und Waldfrüchte zu suchen, was dazu beiträgt, durch den Verkauf des Gesammelten ihr bescheidenes Einkommen aufzubessern. Das monatlich verfügbare Kindergeld ist auf insgesamt 710 Lei beschränkt, was 157 Euro entspricht. Derzeit hinkt die Familie einem Mietrückstand von 6000 Lei (1333 Euro) hinterher.

• Die Familie Ciurcu lebt ebenfalls in Lupeni und zwar in einer ehemals der Kohlegrube zugehörigen Mietwohnung, welche später verstaatlicht wurde. Gemeinsam mit Ion und Rozalias Ciurcu, beide 44 Jahre, lebt auch Rozalias geschiedene Schwester Aurica mit ihren Kindern Alexia, Corina, Ana Maria und Paul, die zwischen 2 und 8 Jahre alt sind. Ion Ciurcu ist arbeitslos. Seine Frau besorgt den Haushalt. Die Tochter Miruna ist schon seit ihrem 16. Lebensjahr berufstätig, wurde aber im Frühling dieses Jahres wegen Personalkürzung entlassen. Das tägliche Leben der Familie gestaltet sich als äußerst schwierig, zumal sie mit nur 420 Lei (98 Euro) im Monat auskommen muß. Deshalb verwundert es nicht, wenn die Familie wegen ihrer extremen Notlage einem Mietrückstand von 4000 Lei (888 Euro) hinterherläuft.

• Ebenfalls in einer ehemaligen Dienstwohnung der Kohlenzeche in Lupeni leben gleich mehrere Generationen einer Familie zusammen: Es handelt sich um die 68jährige Ana Vant, ihren Sohn Valentin, sowie dessen Familie und ihre Tochter Mihoc Garofita, mit ihren 3 Kindern aus zwei gescheiterten Ehen. Valentin war als Steiger im Bergwerk beschäftigt, hat dann allerdings im Jahre 1998 den Arbeitsplatz verloren. Drei seiner Kinder sind bereits volljährig, konnten bislang aber keine regelmäßige Arbeit finden. Die weiteren 5 Geschwister – zwischen 6 und 16 Jahre alt – sind noch Schüler. Diese Familie lebt von einem monatlichen Einkommen von 1480 Lei, was 328 Euro entspricht. Die Mietschulden belaufen sich auf derzeit 4900 Lei (1088 Euro).

Die Kinder der Familie Fartan haben Schuhe aus dem letzten IH-Hilfsgütertransport erhalten.

Alle hier erwähnten Familien werden mit humanitären Hilfsgütern bedacht, die der Internationale Hilfsfonds regelmäßig ins Schiltal verbringt. Diese Spenden werden durch eine lokal ansässige gemeinnützige Organisation, „Raza Sperantei“, mit Sitz in Vulcan, verteilt. Wichtige Zielgruppen sind dabei Krankenhäuser, Altenheime; Behinderte, Waisen, kinderreiche Familien, sowie weitere Sozialfürsorgestellen.

Die Ärmsten der in den früheren Kohlengruben- Städten verbliebenen Armen, müssen, wie oben beschrieben, mit skandalös unzureichenden Sozialhilfen auskommen, sodaß ihnen nur ein menschenunwürdiges Dasein gestattet ist. Diese Bedauernswerten sind für ihre warmherzige Unterstützung sehr dankbar. Diesen Dank wollen wir gerne an Sie, werte IH-Gönner, zu denen auch deutsche kleine und mittlere Unternehmen gehören, weitergeben.

In Dankbarkeit,

Ihr

Prof. Dr. Karl H. Koch
Vorsitzender des
Internationalen Hilfsfonds e.V.