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Nr. 06 Juni 2018










RUMÄNIEN:
Notstandsgebiet Transsylvanien – die Armut ist allgegenwärtig!

























RUMÄNIEN
Rückblick auf die Aktivitäten des IH für Bedürftige in Rumänien

Rückblick auf die Aktivitäten unseres Hilfswerks für Bedürftige in Rumänien

Der Internationale Hilfsfonds verfolgt mit seinen Projekten das Ziel, im Rahmen der ihm gegebenen Möglichkeiten den Ärmsten Unterstützung angedeihen zu lassen. Weil mit sporadischen Aktivitäten kaum Zählbares erreichbar wird, ist die Kontinuierlichkeit der Hilfeleistung dabei von entscheidender Bedeutung, denn es gilt, Vertrauen aufzubauen und den Hilfsbedürftigen durch regelmäßige Zuwendungen Hoffnung zu vermitteln.

Unser Hilfswerk hat seit Beginn der 90er Jahre bis heute für Rumänien Hilfsleistungen im Wert von über 5,2 Mio. Euro erbracht, bei einem Volumen von mehr als 1000 Tonnen (siehe hierzu auch vorangegangene IH-Nachrichten der „Armen- und Nothilfe des Internationalen Hilfsfonds e.V. in Osteuropa und den Nachfolgestaaten der UdSSR“). Der IH tut – ohne seinen Beitrag überschätzen zu wollen – alles in seiner Kraft stehende, um in den Herkunftsländern der Ex- UdSSR und dessen früherem Einzugsbereich in Osteuropa Zeichen zu setzen, welche Maßnahmen als geeignet erscheinen, den Fluchtursachen entgegenwirken zu können. In diesem Zusammenhang darf daran erinnert werden, daß diese dabei zum Tragen kommenden Hilfskonzepte aus eigener Initiative entstanden sind und die konzipierten Projekte allesamt ohne staatliche Unterstützung der BRD und ohne EU-Finanzmittel realisiert worden sind. Im folgenden soll – ohne dabei den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben – anhand eines Rückblicks auf eine Reihe von Aktivitäten unseres Hilfswerks zugunsten Bedürftiger in Rumänien hingewiesen werden. Während sich die humanitäre Hilfe des IH in den 90er Jahren auf Notleidende in Bukarest und deren Umgebung konzentrierte, verlagerte sich das Schwergewicht unserer Hilfeleistungen seit dem Jahre 2000 vor allem auf das Gebiet Transsylvanien. Die Zielgruppen der Hilfsempfänger umfaßten hauptsächlich Waisenhäuser, Krankenhäuser, Straßenkinder, Obdachlose, Altenheime, Kindergärten, Schulen und andere soziale Einrichtungen.

REALITÄTSFERNE EU-VORGABEN VERSCHÄRFEN DIE NOTLAGE!

Die Konzeptionslosigkeit der EU-Bürokratie, welche mit ihrer verfehlten Wirtschaftspolitik in Rumänien ganze Industriezweige zum Erliegen brachte und dadurch die katastrophale Verarmung ganzer Landstriche in Transsylvanien heraufbeschwor, führt letztlich dazu, daß viele der in ihrer Not Alleingelassenen, die in Rumänien keine Arbeit finden können, sich aufmachen, um in Deutschland ihr Heil zu suchen. Anstatt Lösungen in ihrem Heimatland anzubieten, bewirkt die Europäische Kommission mit ihren realitätsfernen Vorgaben lediglich, die Probleme von Rumänien nach Deutschland zu verlagern.

Die Armut ist in Vulcan allgegenwärtig und umfaßt alle Altersstufen. Der IH versucht, mit seinen Hilfsgütersendungen Linderung zu verschaffen.
Auf diese Weise entstehen dann in Deutschland unansehnliche Inseln des Elends, wie z.B. in Gelsenkirchen, einer ehemaligen Bergarbeiterstadt in Nordrhein- Westfalen, wo der Ausländeranteil inzwischen über das verträgliche Maß hinaus angewachsen ist. Wenn sich Arbeitslose in Ballungszentren zu bereits bestehender hoher Arbeitslosigkeit hinzugesellen, verringern sich zwangsläufig die Erfolgs-Chancen aller Arbeitssuchenden: Das Umschichten der Opfer einer verfehlten EU-Industrie- und Wirtschafts- politik aus armen EU-Mitgliedsländern, wie z.B. Rumänien – wo die aus Brüssel kaltherzig verfügte Austerität sozialen Notstand Aber- tausender von Arbeitslosen hervorgerufen hat – in das vermeintlich „reiche“ Deutschland, kann demnach keine Abhilfe schaffen; besonders dann nicht, wenn eine ungezügelte, massive Immigrationsbewegung aus EU-fernen Ländern dem deutschen Staat zusätzliche Milliarden- ausgaben abverlangt. Wie allerorten feststellbar ist, werden dadurch lediglich die Verteilungs- kämpfe um Sozialleistungen zwischen Europa- fernen Asylsuchenden und Wirtschaftsflüchtlingen aus der EU unnötig angeheizt, was viele deutsche Städte nachweislich in die Zahlungsunfähigkeit treibt.

Obwohl Griechenland von Experten als Lehrbeispiel für eine gescheiterte Finanzmittelbeschneidung bezeichnet wird, hielten die EU-Administratoren an ihrem untauglichen Konzept, das sogar die Grundversorgung der Bevölkerung in Frage stellt, nun dessen ungeachtet, auch für Rumänien fest. In einer Region, wie Transsylvanien, deren Arbeitsmarkt überwiegend vom Kohlbergbau abhängig war, mußten – das war voraussehbar – die Schließungen der Zechen eine Katastrophe hervorrufen, zumal der Großteil aller Einkommen der arbeitenden Bevölkerung direkt mit der Kohleförderung verknüpft war. Das Kappen der Arbeitsplätze ließ eine unübersehbare Schar von Arbeitslosen zurück, mitsamt ihren Familien, die von heute auf morgen mittellos dastanden, zumal die Sozialleistungen auf einem so niedrigen Niveau gehalten wurden, daß sich ein menschenwürdiges Überleben schlicht als unmöglich erwies.

Herr Trufas hat in Vulcan eine Bäckerei errichtet, deren Ausbau mit Hilfsgütern des IH aus Deutschland ermöglicht wurde. Mit dem hier gebackenen Brot werden vor allem Bedürftige kostenlos versorgt.
Die Armen der Bergarbeiterstadt Vulcan erfreuen sich am frisch gebackenen Brot.
Dieser Umstand hat insbesondere die Jüngeren unter den Ausgegrenzten dazu bewogen, das Land zu verlassen und im westlichen Ausland Arbeit zu finden, um ihre Familien über Wasser zu halten. Aber auch hier sind die Aussichten auf eine erhoffte Besserstellung eher bescheiden, weil zumeist hohe Anforderungen an die berufliche Qualifikation gestellt werden. So erklärt es sich, daß die meisten Arbeitssuchenden aus den östlichen EU-Staaten frustriert in den Ghettos der westlichen Großstädte stranden und insgeheim hoffen, in den jeweiligen Sozialnetzen Rettung zu finden. Da diese von der EU-Bürokratie und der rumänischen Regierung zu verantwortende Situation auf Dauer unhaltbar ist, erfolgt früher oder später ohnehin die traurige Rückkehr ins Heimatland. Wäre es da nicht gescheiter gewesen, die Ursachen der Verarmung unmittelbar im Herkunftsland selbst zu beheben?

DER KAMPF GEGEN KORRUPTION UND ARMUT IN RUMÄNIEN

Obgleich Rumänien bereits seit 2007 zum Mitgliedsland der Europäischen Union avancierte, kämpft die Bevölker- ung nach wie vor gegen eine auf kommunistische Zeiten zurückreichende unausrottbar scheinende Korruption und immerwährende Armut.
Dieses langlebige Überbleibsel erinnert an Ceausescus Schreckensherrschaft, die 1965 begann und bis ins Jahr 1989 fortdauerte. Sie fand erst nach einem blutigen Volksaufstand ihr jähes Ende, nachdem er bald darauf zusammen mit seiner Frau zum Tode verurteilt und erschossen wurde.

Ceausescus Regime galt als das grausamste des gesamten kommunist- ische Ostblocks und verfolgte seine zuweilen bizarr anmutenden Vorstel- lungen mit einer Brutalität, die ihresgleichen sucht. Charakteristisch dafür und in unauslöschlicher Erinnerung bleibt seine Familienpolitik, die zum Ziel hatte, die im Jahre 1966 bestehende Bevölkerungszahl von 19 Millionen, die er entschlossen war, bis zum Jahre 2000 auf 30 Millionen anzuheben. Diese gewaltige Steigerungsrate suchte er in unerbittlicher Härte mittels des von ihm eigens dafür ersonnenen Modells der “5-Kinder-Familie“ zu erzwingen. Verhütungsmittel und schulische Aufklärung zur Verhütung waren bei Strafe verboten. Frauen, die dennoch eine Abtreibung vornehmen ließen, wurden mit Gefängnisstrafen bis zu 25 Jahren bedroht. Trieben sie ab, durften sie im Falle von Infektionen nicht ärztlich behandelt werden, was während Ceausescus Amtszeit mehr als 10.000 Frauen das Leben kostete.

Die 79jährige Frau Maria Deac ist körperbehindert und lebt von einer monatlichen Rente von 180 Euro. Sie hat im Altenheim von „Raza Sperantei“ eine Bleibe gefunden. Die Einrichtung stammt vom IH.
Beim Innenausbau der Bäckerei werden ausschließlich Materialien aus Hilfsgütersendungen des IH verwendet.
Diese kinderreiche Familie aus Vulcan hat Hilfsgüter vom IH erhalten.
Daraus resultierte eine im Lande noch nie dagewesene Geburtenrate und überlastete viele Familien, die oft nicht in der Lage waren, ihre ungewollten Kinder zu ernähren und sie deshalb sogar teilweise verstießen. Noch lange nach dem Ende der Diktatur wirkte sich diese Politik extrem belastend für die Gesellschaft aus und verursachte hoffnungslos überfüllte Kinderheime, in denen in den 90er Jahren mehr als 140 000 Kinder versorgt werden mußten. Darüberhinaus weitete sich die Zahl der Strassenkinder im gleichen Zeitraum auf unvorstellbare 100 000 aus, die ohne Schulbildung aufwuchsen und so um ihre Zukunftschancen gebracht wurden.

ENGAGEMENT DES IH MIT HILFE ZUR SELBSTHILFE

Verschärfend für die soziale Not wirkten sich die Sparmaßnahmen der Regierung im Sozial- und Schulwesen aus, ausgerechnet dort, wo man die ohnehin viel zu knapp bemessenen Finanzmittel beklagte. Weitere gravierende Budget- kürzungen führten dazu, daß zahlreiche Kindergärten, Altenheime und Waisen- häuser ihre für die Gesellschaft so wichtige Arbeit einstellen mußten. Angesichts dieser katastrophalen Ent- wicklung verschlimmerte sich die Misere der Ärmsten, die in eine Notlage gerieten, aus der sie keinen Ausweg mehr fanden.

Zu den ersten Hilfsorganisationen Westeuropas, die sich bereits in den 90iger Jahren diesen Notleidenden in Rumänien annahm, gehörte der Internationale Hilfsfonds, der unverzüglich Projekte der Hilfe zur Selbsthilfe in Kooperation mit lokalen Einrichtungen realisierte. Am gravierendsten stellte sich die Problemlage der Straßenkinder und kinderreichen Familien dar, sodaß der IH in eine länger währende Partnerschaft mit dem Waisenhaus Gavroche in Bukarest eintrat, welche sich sehr erfolgreich gestaltete.

TRAUMA DES ALLEINGELASSENSEINS

Im Waisenhaus Gavroche befanden sich damals ca. 60 Straßenkinder in Observation; 35 unter ihnen waren entweder Waisen oder von ihren Familien verstoßen worden und bedurften somit einer ganztägigen Betreuung. Hingegen stammten 25 dieser Kinder aus sozial zerrütteten oder extrem verarmten Familien, denen das Waisenhaus während des Tages Obhut und Betreuung gewährte. Am Abend eines jeden Tages jedoch kehrten diese Kinder zu ihren Familien zurück. Oftmals war nur ein Elternteil vorhanden, was zumeist den Wirrungen der Umstände, wie u. a. dem Alkoholismus oder anderen Ursachen für die Trennung der Eltern zuzuschreiben war.

Daß dieses nicht alltägliche Modell der Betreuung damals eine ungewöhnliche Weise der sozialen und psycho- therapeutischen Behandlung darstellte, waren sich die mit großem Engagement und Hingabe arbeitenden Therapeuten sehr wohl bewußt; offenbar jedoch nicht die für das Sozialbudget Verantwortlichen der Staatsbehörden. Der Erfolg verhalf diesem Konzept schließlich zum Durchbruch und fand bald darauf Nachahmer, zumal sich die Vorteile für diese Art der Betreuung alsbald abzeichneten: Die Tages-Betreuung im Waisenhaus Gavroche umfaßte nicht nur die für den Behandlungserfolg so wichtige Kontinuität in der intensiven psychologischen Behandlung von Problemkindern, sondern schloß eine regelmäßige Schulbildung ein, ohne die eine erfolgreiche Resozialisierung keine Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Denn Schulbildung fördert die Kreativität, was sich als stabilisierend auf die Persönlichkeitsentwicklung jedes einzelnen Kindes auswirkt.

HILFSPROJEKTE DES IH IN TRANSSYLVANIEN

Schon in der Blütezeit des Bergbaus in Rumänien wurde das Jiului-Tal, welches als bedeutendstes Kohleabbaugebiet des Landes galt, auch „Tal der Sorgen“ genannt. Die Bezeichnung trug der Tatsache Rechnung, daß diese bergige, unfruchtbare Karpatenlandschaft nur karge landwirtschaftliche Erträge abwarf, weswegen man froh sein mußte, wenngleich unter großen Anstrengungen, Entsagungen und Risiken stattdessen Bergbau betreiben zu können, der lange Zeit die einzige Einnahmequelle für die arbeitsfähige Bevölkerung darstellte. Mit dem Niedergang der Schwerindustrie gingen dann allerdings, wie in anderen Ländern Europas auch, im Bergbau Rumäniens die Lichter aus. Tausende von Minenarbeitern verloren für immer ihre Arbeit und sind daher seit der Jahrtausendwende zu Langzeitarbeitslosen geworden.

WIRTSCHAFTSKRISE UND ISOLATION

Die Umwälzungen, die Rumänien durchleiden mußte, als die Planwirtschaft durch die Regeln einer vom Kapitalismus geprägten Weltwirtschaft ersetzt wurde, haben insbesondere geographisch abgelegene Gebiete des Landes, wie das Jiului-Tal, in fataler Hoffnungslosigkeit zurückgelassen. Die Bezeichnung „Tal der Sorgen“ erfuhr somit ironischerweise eine neue Bestätigung, zumal eine Verbesserung der wirtschaftlichen Notlage für die Bevölkerung bislang nicht in Sicht ist.

HILFSMASSNAHMEN DES IH

Seit dem Dezember 2000, als ein extrem kalter Winter die Notleidenden des im Jiului-Tal gelegenen Minenarbeiterortes Petrosani in noch größere Existenznot brachte, hat der Internationale Hilfsfonds vermehrt Hilfsgütersendungen aus Deutschland in die rumänischen Karpaten gebracht. Da der Vorstand des IH Wert darauf legt, Initiativen der Hilfe zur Selbsthilfe zu unterstützen, war schon damals die örtliche Hilfsorganisation „Raza Sperantei“ („Hoffnungsstrahl“) in der Kleinstadt Vulcan als zuverlässiger Partner in unsere Hilfsmaßnahmen eingebunden. Dank dieser Kooperation, die bis heute fortdauert, war es uns möglich, diese Langzeitarbeitslosen – die oftmals total verarmt sind und bis in absehbare Zeit keine realistischen Zukunftschancen haben, Arbeit und Einkommen zu finden – mit Hilfsgütern zu versorgen.

Dafür besteht umso mehr Anlaß, als in der Region Vulcan die zuvor existierenden Textilfabriken, wo zumeist Frauen Beschäftigung gefunden hatten, ebenfalls ihre Tore schließen mußten. Dies bedeutete, daß es seitdem weder für die Bergleute, noch für die Textilarbeiterinnen Beschäftigungsmöglichkeiten gab und deshalb breite Bevölkerungsschichten bis in die Gegenwart hinein ohne eine Chance auf Wiederbeschäftigung geblieben sind. Die diesem Bericht beigefügten Photos geben Hinweis auf Aktivitäten des IH, die in jüngster Zeit in Kooperation mit der lokalen Hilfsorganisation Raza Sperantei zugunsten Bedürftiger in der Region Vulcan zur Durchführung kamen.

Auch der alleinstehende 61jährige Sandor Pataki wohnt seit 2017 im Altenheim von „Raza Sperantei“ und erfährt regelmäßige medizinische Betreuung.
Unser Photo zeigt den Vorsitzenden der lokalen Hilfsorganisation „Raza Sperantei“, Herrn Trufas (links), zusammen mit Herrn Ion Firiza, der sich als großzügiger Sponsor betätigt.
Mit der hier wiedergegebenen Zusammenfassung hoffe ich, Ihnen, werte IH-Gönner, einen Einblick in das Wirken des IH in Rumänien ermöglicht zu haben und darf Ihnen für Ihre fürsorgliche Haltung herzlich danken, mit der Sie unsere Arbeit unterstützen.

Ihr

Prof. Dr. Karl H. Koch
Vorsitzender
Internationaler Hilfsfonds e.V.