INHALT
Nr. 05 Mai 2016









EDITORIAL
EU: Die Wiederkehr des 30. Jahrestags der Tschernobyl-Katastrophe mahnt zu mehr Verantwortung!

OST-EUROPA:
Armutsbekämpfung als Priorität zur Eindämmung des Flüchtlingsstroms!
UKRAINE, BELARUS,RUSSLAND, KASACHSTAN
Anläßlich des 30. Jahrestages der Tschernobyl-Katastrophe: Rückblick auf die vom IH erbrachte Hilfe für Opfer der Tschernobyl-Unfalls und sowjetischer Atombombentests in Kasachstan

EU: Die Wiederkehr des 30. Jahrestags der Tschernobyl-Katastrophe mahnt zu mehr Verantwortung!

Liebe IH-Gönner,

ein in seinem Gefahrenpotential unterschätzter Test verursachte am 26. April, 1986, dem schlimmsten Unfall in der Geschichte der Energiewirtschaft. Diese Katastrophe hat die Diskussion über das Für und Wider der Atomenergie angefacht, in der sich Befürworter und Gegner unversöhnlich gegenüber stehen. Diese Auseinandersetzung wurde inzwischen dadurch kräftig angeheizt, daß vor 5 Jahren, am 11. März 2011, ein verheerender Tsunami – hervorgerufen durch ein Erdbeben im Pazifischen Ozean, unweit der Ostküste Japans – ausgerechnet „am anderen Ende der Welt“, in der 12 Flugstunden vom Ort des Geschehens entfernten BRD, Furcht und Sorge auslöste. Die dabei in einer zuvor nie gekannten Zuspitzung erzeugte Unsicherheit und Angst entstand, weil via TV einander widersprechende Horrormeldungen über ein in Fukushima zerstörtes Atomkraftwerk Verbreitung fanden. Das wiederum rief fatale Erinnerungen an Geschehnisse im ukrainischen Tschernobyl wach, dessen Gau sich am 26. April diesen Jahres zum 30. Mal jährte.

Umgibt uns dabei nicht etwas gespenstisch Irrationales, wenn wir uns in Deutschland über einen Atomreaktor-Unfall im über 9000 km entfernt gelegenen Japan echauffieren, wir aber viel bedrohlichere Gefahrenherde, die in unseren unmittelbar anrainenden EU-Nachbarstaaten darselbst existieren, völlig ignorieren?

In der, aus Sicht der EU-Bürger, mit einem Übermaß an Macht ausgestatteten EU-Bürokratie, hat man bis heute noch nicht einmal einen einheitlichen, für alle 28 Mitgliedsländer rechtsverbindlichen Sicherheits-Standard für Atomkraftwerke geschaffen! Die Nachbarschaftsliebe der EU-Staaten reduziert sich bekanntlich auf ein Minimum, wenn die Standortfragen für Atomkraftwerke (AKW) erörtert werden. Im Zweifelsfall scheinen sich die EU-Regenten dann am wohlsten zu fühlen, wenn ihre Regierungen die Atommeiler so nahe wie nur irgend möglich, an die Grenze ihrer Nachbarn setzen.

Auch dieses Charakteristikum ist nicht nur bezeichnend, sondern ebenso beschämend für die „Staaten-Gemeinschaft“ EU. Die Europäische Kommission hat bislang keine Anstalten unternommen, diese egoistisch-nachbarschaftsfeindlichen Standortbestimmungen für AKWs auf die Tagesordnung zu setzen: Warum traut man sich nicht, dieses für ein europäisches Miteinander kontraproduktive Walten der Mitgliedsstaaten offen anzusprechen? Das Errichten der Atommeiler in Grenznähe scheint dem in zynischen Ernst verlagerten scherzhaften Motto des Schutzpatrons unserer Freiwilligen Feuerwehr zu folgen: „Lieber, guter Florian, beschütz' mein Haus, zünd’ ein andres an!“

Diesen Leitgedanken sozusagen zur Grundlage nationaler Planspiele für Atomkraftwerke innerhalb der EU werden zu lassen, beweist, welch unüberbrückbar vorhandene Distanz doch zwischen den Völkern der sich als „Einheit“ preisenden EU in Wirklichkeit nach wie vor besteht. Daran konnte auch der damals neuernannte Energiekommissar Dr. Öttinger nicht viel ändern, der, als früherer Minister-Präsident Baden- Württembergs, aus eigenem Augenschein nur zu genau wußte, daß der Schrott-Meiler im elsässischen Fessenheim von seinem „Ländle“ nur durch den Rhein getrennt ist… Daran hat sich, wie man auch in Brüssel weiß, bis heute nichts geändert!

Was nützt es angesichts dieser Tatsachen, wenn man die sog. 8 „Risiko-Meiler“ in der BRD abschaltet, jedoch den über 30-jährigen Fessenheim-Alt-Reaktor, mit viel höherem Risiko belasteten am französischen Netz der insgesamt 58 französischen Atomkraftwerke läßt?

Die „Neue Zürcher Zeitung“ veröffentlichte erst letzten Monat einen Beitrag über die „wirtschaftliche Kernschmelze der Atomindustrie“. Dabei fanden 5 Risiko-Phasen Erwähnung: „Planung, Bau, Energiepreis, Betrieb und Stillegung“. Jede dieser Phasen birgt ein solch gewaltiges Risiko-Potential in sich, das sogar „stärkste Energiekonzerne in die Knie zwingen“ kann.

Als Präsident Obama sein Amt antrat, versprach er, das US-Atombomben- Arsenal aus Europa abzuziehen. Bei seinem kürzlich stattgefundenen Abschiedsbesuch fand er genügend Zeit, mit seiner – Originalton Obama –„geliebten Freundin“ zu turteln. Wäre es da nicht angesichts der dabei vorhandenen guten Stimmung seitens der deutschen Kanzlerin nicht opportun gewesen, die Frage zu stellen, wann das Gefahrenpotential des in Deutschland gelagerten US-Atombombenarsenals endlich vom deutschen Staatsgebiet entfernt wird? Diese Overkill- Kapazität ist für Europa sowieso kontraproduktiv, weil sie aus Europa ein attraktiveres Angriffsziel machen… Benachteiligend kommt hinzu, daß die Europäer über die Verwendung dieser Waffen ohnehin kein Sagen haben.

Dies erscheint umso dringlicher, weil Präsident Obama das, wie erwähnt, vor Jahren zugesagt hat, sondern gewinnt nicht zuletzt deshalb an Aktualität, zumal die in Europa vorherrschenden Gefahren, die von „aktiven“ Atomreaktoren ausgehen, für die Bevölkerung der BRD auch ohne die US-Atombomben schon als bedrohlich genug empfunden werden!

Erst jüngst haben Verantwortliche der Region Aachen die belgische Regierung aufgefordert, das nur 57 km entfernte Atomkraftwerk Tihange vom Netz zu nehmen, da – schon seit dem Jahre 2012 – Tausende von Rissen im Reaktorbehälter vorhanden sind, zu denen seit 2015 unzählige weitere Feinrisse hinzukamen. Alles, was der Regierung Belgiens als Präventionsmaßnahme dazu einfiel, war die Ankündigung, im gesamten Staatsgebiet des Königreichs Belgien in Bälde Jodtabletten zu verteilen…

Wann, so bleibt zu fragen, bequemt sich die Europäische Kommission, endlich auf EU-Ebene für den Schutz der Bürger einzusetzen und ihnen ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewähren?

Ihr

Dr. Karl H. Koch
Vorsitzender Internationaler Hilfsfonds e.V.


Anläßlich des 30. Jahrestages der Tschernobyl-Katastrophe:
Rückblick auf die vom IH erbrachte Hilfe für die Opfer der Tschernobyl-Katastrophe in der Ukraine, Belarus, Rußland und sowjetischer Atombombentests in Kasachstan

Am 26. April 2016 rückte der 30. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe erneut in den Focus des Interesses der Weltöffentlichkeit. Als am 11. März 2011 ein verheerender Tsunami, der von einem Erdbeben im Pazifischen Ozeans unweit der Ostküste Japans verursacht worden war, einen Unfall im Kernkraftwerk Fukushima auslöste, rief dies die Schreckensbilder von Tschernobyl sofort wieder wach. Die japanische Bevölkerung wurde so auf eine harte Probe gestellt, zumal sie durch den menschenverachtenden und die Umwelt kontaminierenden Abwurf von Atombomben der US-Armee auf Hiroshima und Nagasaki ohnehin größtes Leid erfahren mußte, an das erschütternde Trauerveranstaltungen Jahr für Jahr erinnern.

Diese Duplizität der Ereignisse gibt uns die Gelegenheit, an die Hilfsmaßnahmen des Internationalen Hilfsfonds e.V. zu erinnern, die dank großherziger Anteilnahme und Fürsorge seiner Gönner seit Anfang der 90iger Jahre für die leidtragende Bevölkerung in der Ukraine, Belarus und Rußland erbracht werden. Hingegen kümmerte sich kaum jemand um die Opfer unzähliger Atombombentests der Sowjetarmee in Kasachstan. Als erste europäische Hilfsorganisation nahm sich der Internationale Hilfsfonds diesen bedauernswerten Menschen an, woran nochmals erinnert sei.

In diesem Zusammenhang darf ebenfalls hervorgehoben werden, daß sowohl die Regierungen der Ukraine, Weißrußlands und Rußlands, wie auch die UNESCO, den Internationalen Hilfsfonds für seinen herausragenden Beitrag in der Tschernobyl- Hilfe ausgezeichnet haben.

In den drei Ländern Ukraine, Weißrußland und Rußland, deren Bevölkerung vom größten nuklearen Ausfall noch bis heute betroffen ist, war der Internationale Hilfsfonds als aktiver Partner mit zahlreichen Hilfsmaßnahmen in enger Kooperation mit der UNESCO, Paris, beteiligt.

Obwohl das UNESCO-Chernobyl-Programme einen enormen Arbeitsaufwand für alle IH-Mitarbeiter erforderlich machte, betätigte sich mein Vorstandskollege Karl Koch darüberhinaus auch als Initiator von Hilfsmaßnahmen für Atombombentestopfer im fernen Kasachstan.

Wie bereits der Generaldirektor der UNESCO, so bewertete auch der damalige Wissenschafts-Minister Kasachstans, Prof. Dr. Shkolnik, die humanitäre Hilfsarbeit des IH, die sich auf die Opfer der sich über 40 Jahre andauernden Atombombentests der Sowjet-Armee konzentrierte, als sehr wertvoll, wie aus dessen Schreiben hervorgeht, die wir in den IH-Nachrichten der 90iger Jahren veröffentlicht haben. Sie geben Aufschluß über die konstruktiven Arbeit, die der IH für die Atombombentestopfer in Kasachstan geleistet hat. Diese vom Internationale Hilfsfonds ausschließlich aus Privatspenden erbrachte Hilfe belief sich auf einen Gesamtwert von über 3,4 Mio. Euro, was dem IH auch in Kasachstan den Spitzenrang unter allen europäischen Hilfsorganisationen einbrachte.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß die Hilfe des IH für die Ukraine inzwischen die Wertgrenze von über 9,8 Mio. Euro überschritten hat. Diese Hilfe kam in erster Linie Tschernobyl-Geschädigten, sowie Krankenhäusern, Altersheimen, Waisenhäusern und Rehabilitationszentren zumeist in Form von Hilfsgütern zugute, die sich diesen unschuldig in Not geratenen Opfern angenommen haben.

Dieselbe Zielgruppe steht als Empfänger unserer Zuwendung in Belarus im Mittelpunkt, denn die Bevölkerung Weißrußlands ist in besonders gravierendem Ausmaß von der atomaren Verstrahlung, die durch den Tschernobyl-Gau ausgelöst wurde, betroffen. Die Hilfe des IH für Belarus beziffert sich zur Zeit auf über 8,8 Mio. Euro, wohingegen sich die Nothilfe des IH für Rußland auf gegenwärtig über 4,1 Mio. Euro beläuft.

Es ist den treuen Spendern des Internationalen Hilfsfonds e.V. zu verdanken, daß unser Hilfswerk in der Lage war, seit Anfang der 90iger Jahre diese Hilfe für die Tschernobyl-Opfer aufrecht zu erhalten, zumal die Strahlenschäden, die das Erbgut der vorangegangenen Generationen in Mitleidenschaft gezogen haben, an die jeweils nachfolgende Generation in grausamer Zwangsläufigkeit weitergegeben wird.

Das Rehabilitationszentrum „The Hope“ (die Hoffnung) ist eine lobenswerte staatliche Einrichtung in Minsk, wo sich kompetente Fachärzte um Kinder kümmern, die an cerebraler Paralysis leiden.
Der Vorstand des IH hofft, dank Ihrer treuen Unterstützung, seine Hilfsmaßnahmen für unschuldig leidende Tschernobyl- Opfer fortsetzen zu können. Hierfür meinen herzlichen Dank an Sie, werte IH-Gönner.

Ihr

Dr. Wladimir Miljutenko
Stellvertretender Vorsitzender
des Internationalen Hilfsfonds e.V.









Der IH als Initiator wichtiger Hilfsprojekte für Atombomben-Testopfer in Kasachstan.

Am 6. und 7. September 1999 fand in Japan eine von der UNO organisierte „Tokyo International Conference on Semipalatinsk“ statt. Im offi ziellen Programm dieser Veranstaltung hielt der Vorsitzende des Internationalen Hilfsfonds e.V., Dr. Karl Koch, als Vertreter der Nichtregierungsorganisationen einen Vortrag über die vom IH geleistete Arbeit für Atombombentestopfer in Kasachstan, aus dem wir folgende Auszüge wiedergeben:

"Der IH initiierte im Jahre 1992 das erste humanitäre Hilfsprojekt zugunsten der von den Atombombentests der Sowjet- Armee betroffenen Bevölkerung in der Region Semipalatinsk. Unser Beitrag für deren Notleidende belief sich bis zum Jahr 1999 auf über 4,5 Mio. DM.

Der IH hat bereits verschiedene Hilfsprojekte, u.a. auch auf dem Gebiet der angewandten medizinischen Wissenschaften, in die Wege geleitet, um mittels Wissenstransfers und neuer Technologien die Qualität der gesundheitlichen Fürsorge für die kasachische Bevölkerung verbessern zu helfen. Diese Projekte wurden in Kooperation mit der Akademie der Medizinischen Wissenschaften der Republik Kasachstan und der Medizinischen Akademie zu Semipalatinsk durchgeführt.

Die Ziele waren:
  • die Verbesserung der medizinischen Ausbildung auf dem Gebiet der Pränatal- Diagnostik und der Kinder-Chirurgie;
  • die arzneimitteltechnische Anwendung von Antioxydantien als Vorsorgemaßnahme zur Stärkung des Immunsystems der Geschädigten.

  • Außerdem wurde
  • die Entwicklung alternativer Methoden zur Wiederaufforstung in den am intensivsten radioaktiv verstrahlten Gebieten in der Region Semipalatinsk in Kooperation mit dem Wissenschaftlichen Institut für Ökologie der Staatlichen Kasachischen Universität „Al Farabi“, Almaty (Alma Ata), vorangebracht.

  • Diese Projekte sind nur mit entsprechenden international angelegten Kampagnen fi nanzierbar, mit denen die Aufmerksamkeit in Europa auf die Notlage der Atombombentestopfer gelenkt werden kann. Zu diesem Zweck wurde auf Initiative des IH in Kooperation mit dem TV-Channel 9 of Australia eine Dokumentarfi lm mit dem Titel „Das kasachische Experiment“ realisiert."

    Darüberhinaus hat das International Liaison Offi ce des IH in Brüssel im Jahre 2001 in enger Zusammenarbeit mit Europa-Parlamentariern ein offi zielles „Hearing“ (Anhörung) zum Problem der Atombombentestopfer und der Umwelt- Verseuchung in Kasachstan initiiert, bei der auch der Vorstand des IH aktiv als Redner mitwirkte. Parallel dazu fand eine vom Internationalen Hilfsfonds realisierte Foto-Ausstellung zum Thema Semipalatinsk statt.

    Auf Initiative des IH International Liaison Offi ce besuchte vom 28.02. bis 01.03.2001 eine offi zielle Delegation der Republik Kasachstan das Europaparlament in Brüssel. Die Delegation unter Leitung von Außenminister Erlan Idrissov hatte – wiederum vom IH-Büro Brüssel vorbereitet – zahlreiche Begegnungen mit Europaparlamentariern verschiedener Parteirichtungen und Mitgliedsländer, um auf die Probleme der Atombombentestopfer im „Polygon“ in der Region Semipalatinsk aufmerksam zu machen. Der Internationale Hilfsfonds e.V., der sich als erste europäische Hilfsorganisation seit 1992 um Atombombentestopfer in Kasachstan gekümmert hat, setzt damit seine jahrelangen Bemühungen um mehr Verständnis und Unterstützung für diese unschuldig Leidenden auch von Seiten der EU fort. Durch dieses Hearing im Europa-Parlament gelang es schließlich, aus dem Budget der Europäischen Union 6 Mio. Euro für Hilfsmaßnahmen bereitstellen zu lassen.

    v. l.n.r.: Struan Stevenson, M.E.P. (Konservative Partei Schottland), Erlan Idrisov, Außenminister der Republik Kasachstan; Prof Dr. K. Koch, Vorsitzender des Internationalen Hilsfonds.